April 2026

30 Jahre Begleiteter Besuchstreff: Marie-Anne Studer erinnert sich an die Anfänge

Marie-Anne Studer war von 1992 bis 2006 Geschäftsführerin der Freiwilligen Jugendhilfe, wie FUJH damals hiess. Sie hat den Begleiteten Besuchstreff (BBT) ab 1996 aufgebaut. Im Interview erinnert sie sich an diese Gründungszeit.

Marie-Anne Studer, wie ist der Begleitete Besuchstreff entstanden?

Der BBT ist aus einer Diplomarbeit zum Thema «Besuchsrechtsprobleme geschiedener Väter» initiiert worden. Heinz Häusermann, der Leiter des Jugendsekretariats Stadt und gleichzeitig im Vorstand der Freiwilligen Jugendhilfe war, kam mit der Idee auf den Verein zu. Er fand, das sei ein passendes Projekt. Wir hatten gute Voraussetzungen: Die Arbeit mit Freiwilligen war bereits etabliert, ebenso das Auftreiben von finanziellen Mitteln. So konnten wir den Besuchstreff unkompliziert aufbauen. Wir setzten vieles pragmatisch um, haben ausprobiert und bei Bedarf auch improvisiert. Anfangs wurden wir jedoch oft gefragt: «Ist das wirklich nötig?» Da mussten wir einiges an Aufklärungsarbeit leisten.

Wie ging es nach der Anfangsphase weiter?

Zu Beginn war der BBT defizitär. Nach kurzer Zeit übernahmen die Jugendsekretariate einen Teil der Kosten. Damit stieg auch der Professionalisierungsdruck. Die Stadt stellte Anforderungen an die Qualität der Leistungen.

Sie haben den BBT jedoch weiterhin mit Freiwilligen umgesetzt und nicht professionalisiert. Was waren die Gründe?

Die Freiwilligen spielten eine zentrale Rolle. Für mich war von Beginn weg klar, dass diese Arbeit – unter fachlicher Begleitung – auch von Nicht-Profis geleistet werden kann, sofern sie einen guten Zugang zu Kindern haben und in einem vergleichbaren Berufsumfeld gearbeitet haben. Die Mischung aus Professionalität und Freiwilligenarbeit bringt eine spürbare Auflockerung in ein oft belastetes Setting. Wir bildeten die Freiwilligen regelmässig weiter. Ohne sie wäre das Angebot nicht finanzierbar gewesen.

Worauf achteten Sie bei der Zusammenarbeit mit den Freiwilligen?
Die Arbeit war anspruchsvoll. Wir hörten oft sehr persönliche Schicksale, manchmal ganze Familiengeschichten. Dabei war mir immer eine klare Haltung wichtig: Wir sind keine Therapeutinnen und Therapeuten. Unsere Aufgabe war es, darauf zu achten, dass es den Familien während des BBT gut geht. Wenn jemand zu viel helfen wollte, habe ich interveniert.

Gab es schwierige Situationen?
Ich kann mich an keine spezielle Situation erinnern. Jede Begegnung ist anders. Es kam vor, dass Eltern nicht erschienen oder Spannungen spürbar waren. Aber insgesamt verliefen die Treffen meist sehr gut und ruhig.

Wenn Sie 30 Jahre später auf die Anfänge zurückblicken: Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Ich bin froh, dass sich dieses Angebot etabliert hat und weiterhin mit einem ähnlichen Konzept erfolgreich durchgeführt wird.

Geschichte des Begleiteten Besuchstreffs Winterthur

Der BBT Winterthur wurde im November 1995 als Projekt der Winterthurer Amtsvormundschaft in Zusammenarbeit mit den Jugendsekretariaten Winterthur-Stadt, Winterthur-Land, Andelfingen und Effretikon gegründet.

Im Sommer 1996 übernahm der Verein Freiwillige Jugendhilfe Winterthur (heute FUJH – Verein Familien- und Jugendhilfe Winterthur) die Trägerschaft und damit die Verantwortung für die Koordination, Umsetzung und Finanzierung. Der BBT wurde bis 2014 an 11 Sonntagen pro Jahr durchgeführt und in den darauffolgenden Jahren schrittweise ausgebaut.

Heute findet der BBT als Teil des kantonalen Service public an 45 Sonntagen im Jahr statt. FUJH verfügt über eine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton Zürich. Am bewährten Konzept hat sich wenig verändert, ausser dass allen Mitarbeitenden ein Pauschalbeitrag pro Einsatz bezahlt wird.